Pressestimmen

ROBOSAPIENS

„Die aktuelle Inszenierung von Jens Bluhm lotet vor allem die Zwischenwelten aus. Bei den vier Gestalten auf der Bühne in ihren technisch-abstrakten Overalls, die mal an Raumfahrer*innen, mal aber auch an Des­in­fek­ti­ons­ar­bei­te­r*in­nen der frühen Pandemiephase erinnern, bleibt unklar, ob sie noch den Menschen angehören oder doch schon künstlich sind. Eine Figur behauptet zwar, sie hätte das Auge der anderen entwickelt. Ob sie selbst aber Mensch ist oder lediglich einer früheren Generation der Roboterpopulation angehört, ist ungewiss.

In dieser Ambiguität liegt der Reiz des Abends. Wer spricht da, und aus welcher Perspektive? Identität wird gleich mit dem ersten Wort infrage gestellt. „Ich“, sagt Chris Eckert als eine dieser postbiologischen Gestalten und lässt eine lange Pause folgen. Wer ist „Ich“? Was macht ein „Ich“ aus? Was ist Bewusstsein? Und wie ließe es sich messen und beweisen?“

Tom Mustroph, taz  https://taz.de/!5777783/ 

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„Am Waldrand sprießt eine kleine Halle aus dem Boden, die blauen Holzlettern an der Gebäudefront buchstabieren „Robosapiens“, davor ein alter Wohnwagen als Tickethäuschen, eine Getränketheke und plaudernde Besucher.

In diesem Moment stehe ich vor der zunächst unscheinbar wirkenden Eventlocation der heutigen Theaterpremiere und mir wird mir klar, dass dieser Ort sich als wahrer Geheimtipp herausstellen könnte. (…)

In den nächsten anderthalb Stunden vergesse ich mich selbst und bin Teil eines gedanklichen Experiments: In einer sich stetig digitalisierenden Welt Mensch zu sein, was bedeutet das? Was macht dich und mich real, menschlich? Und vor allem: Wie unterscheiden wir uns von denkenden Maschinen? Was, wenn aus „Ihnen“ und „Uns“ ein „Wir“ würde? Die vier Protagonisten, gespielt von Cynthia Buchheim, Ines Burdow, Chris Eckert und Melanie Seeland, nehmen den Zuschauer mit auf eine Reise der Möglichkeiten. In unterschiedlichen Szenen wird der (menschliche) Existentialismus auf die Probe gestellt und ungewöhnliche Blickwinkel erlauben es, die eigene Perspektive zu erweitern. Das Stück ist in manchen Momenten sehr philosophisch, manchmal wissenschaftlich, mal urkomisch oder absurd. (…)

Science-Fiction wird hier buchstäblich mit dem Charakter des digitalen Zeitalters versehen. (…)

Wer die Fahrt hinaus nach Brandenburg auf sich nimmt, wird mit einer einzigartigen Theatererfahrung abseits des Mainstreams belohnt werden.“

Laura Gramm, UnAufgefordert https://www.unauf.de/2021/robosapiens-scifi-fuer-gedankenexperimenteure/

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„Regisseur Jens Bluhm und Dramaturgin Juliane Logsch erarbeiteten aus Capeks 100 Jahre altem Drama ein zeitgemäßes Stück über das Verhältnis von Mensch und Maschine, künstlicher und „echter“ Intelligenz, über die Menschlichkeit von Robotern und industrielle Massenproduktion. Die Premiere am Vorabend des 1. Mai durfte coronabedingt nicht stattfinden. Aber einen Durchlauf des Stückes als Kontrollstrich unter eine erste Arbeitsetappe der Theatersaison vor den neuen, aber leeren Stuhlreihen aus den Kammerspielen des Deutschen Theaters, das musste sein. Ein Stück unter regelmäßigen Covid-19-Tests, Abstandsregeln und Maskenpflicht zu erarbeiten und zu proben, ohne realistische Aussicht auf einen Aufführungstermin vor Publikum, erfordert ein hohes Maß an Motivation und Engagement für die Sache. Die inzwischen gewachsene Theatergemeinde der Truppe hat wenig Zweifel daran, dass die Compagnie um die Leiterinnen Melanie Seeland und Inés Burdow die Spielwut und Spielfreude aufbringt, um so ein Projekt auch unter diesen Umständen durchzuziehen. (…)
Es beginnt eindringlich und wiederholt mit dem Wort Ich und erinnert an „Im Anfang war das Wort“ aus dem Johannesprolog in der Bibel und der faustischen Auseinandersetzung damit bei Goethe. Gerade die Textpassagen über den alten Rossum, der einen künstlichen Menschen schaffen wollte, und seinen Neffen, den Ingenieur, der schließlich den Roboter – ein Begriff, den Capek mit seinem Bruder Jozef in die Welt brachte – schuf, deklamieren die vier Darsteller mit abgehacktem, maschinenartigem Duktus und assoziieren wiederum Fausts Homunculus. Und Capek wäre nicht einer der herausragenden Vertreter der tschechischen Nationalliteratur des 20. Jahrhunderts, wenn da nicht bei den zitierten vier Meter hohen Arbeitsrobotern der Prager Golem im Geiste mitschwang. (…)
Regisseur Jens Bluhm kann zufrieden sein mit der Wirkung, die „Robosapiens“ auf der vom Bauhausarchitekten Friedrich Kiesler inspirierten und von Matthias Merkle und Malin Warnecke gebauten Raumbühne entfaltet. Erneut wird sie in allen Dimensionen bespielt und gedreht, ist sie um maschinelle Elemente und eine Projektionsfläche ergänzt worden.“

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rbb Kultur

30minütiger Fernsehbeitrag über das Kulturquartier Altes Postgelände und die Andere Welt Bühne

Unvergessen – Teil 1

„Die Theatermacher machen Theater ohne den Brechtschen V-Effekt: Keine Verfremdung, ganz direkt und unverstellt. Sie machen sich nackig, sie gehen ans Eingemachte, Persönliche. […] Das Strausberger Theaterkonzept ist keine Bühne zum Zurücklehnen und Amüsieren. Die Schauspieler behalten ihre Fragen nicht für sich, sondern geben sie an das Publikum weiter. […] Der anhaltende, begeisterte Premierenapplaus zeigt, dass die Botschaft angekommen ist.“

Jens Sell / Märkisch-Oder-Zeitung

Komplette Kritik zu der Inszenierung UNVERGESSEN im neuen deutschland.

räuber*innen

„… Der Regisseur Matthias Merkle hat, inspiriert von dem Bauhausarchitekten Friedrich Kiesler, eine so konstruktivistisch wie mittelalterlich anmutende Drehbühne gezimmert, durch die das Modell einer feudalen Krone ebenso schimmert wie das Brecht’sche Räderwerk eines großen Mechanismus, den man Staat nennen könnte. Das Multifunktionsgerüst dient seit Juni als Dauerbühne, über die bereits die ersten zwei Premieren liefen. Die Schauspielerin und Co-Leiterin des Theaters Melanie Seeland erarbeitete sie zusammen mit einem kleinen Ensemble hoch motivierter, spielwütiger Kolleginnen und wechselnden Gastregisseuren. … allein der Mut, im Brandenburger Outback zuerst nach Dringlichkeit zu suchen anstatt nach leichtem Konsum, ist ein echter Gewinn.“
Berliner Zeitung, Doris Meierhenrich

Die Überflüssigen

“ (…) Auch wenn in der Aufführung an der Anderen Welt Bühne nicht geprügelt wird: Das Stück passt in das ehemalige Wasserwerk der DDR- Nachrichtenzentrale in Strausberg wie die Faust aufs Auge. Während drinnen über die ländliche Ruhe gestritten wird, tönt von draußen das „Mäh, Mäh“ von Schafen herein. Und doch ist das Stück gewalttätig, auch wenn keine Fäuste fliegen und kein Theaterblut fließt. Es ist die psychologische Bedrängnis, in die die ländlichen Sturköpfe den kreativen Unruhegeist ganz subtil einmauern, das organisierte Misserfolgserlebnis, das ihn zerstört. (…)“

Jens Sell, MOZ, 5. August 2019

https://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1744753/?res=1

Wie, wenn nicht warum ?

„(…) des schrägen Politik- Diskurs- Schwanks (…) Unter dem Aspekt, dass linke Ideen sich im Extrem mit rechten kreuzen, wird eine absurde Theatersituation inszeniert, in der nicht mehr ganz klar ist, wo links, rechts, oben, unten und vor und hinter dem Vorhang ist. Mit viel Verve vorgetragene Redeausschnitte und Gedichte (sehr bemerkenswert: Brechts Lob des Kommunismus) kollidieren mit Situationskomik und Romantik. (…)“

Jens Sell, MOZ, 12. Juli 2019

Horror Vacui ?

„(…) Auf Holzbänken sitzt das Publikum um eine Drehbühne herum. Die Schauspielerinnen und Theaterbetreiberinnen Melanie Seeland und Ines Burdow erzählen Geschichten aus der Zeit des Mauerfalls und danach – Bruchstücke, die nachdenklich, euphorisch und auch kritisch sind. Ihre Widersprüchlichkeit spiegelt die Komplexität des Themas. (…) Im Strudel der Ereignisse dreht sich die Bühne unermüdlich. Inés Burdow und Melanie Seeland toben und tanzen über die Holzscheibe, springen hinunter, um sie anzuschieben. Sie tragen durchsichtige, farbig umsäumte Regenmäntel, als müssten sie sich schützen. Doch die Ereignisse, die auf sie einprasseln, lassen sich nicht abhalten. (…) Die Überforderung, die die Wendezeit mit sich brachte, wird sinnlich erfahrbar. Trotzdem täte der Inszenierung etwas mehr Ruhe und Vertrauen in die Texte gut. Denn Langeweile kommt ganz sicher nicht auf. (…)“                                                    Inga Dreyer, MOZ, 6. Mai 2019

„(…) Hinter dem philosophischen Titel (lat. Angst vor der Leere) versteckt sich etwas, das viele Bewohner in Strausberg und anderswo betrifft: 30 Jahre Mauerfall – ein Grund zum Feiern? Auf der Drehbühne geht es rund (…) Die Partystimmung wird stetig von Musik- und Textgegensätzen gebrochen (…) Die zahlreichen Stimmen basieren vor allem auf den Geschichten von Strausbergern, die im März an drei Workshops teilnahmen. (…)“         Corinna von Bodisco, Tagesspiegel, 6. Mai 2019

Heimatmaschine

“ Der Titel „Heimatmaschine“ gemahnt an Heiner Müllers „Hamletmaschine“ von 1979. Der hatte seinerzeit aus Shakespeares Hamlet Szenen und Bilder herausgelöst und in verstörender Sprache scheinbar zusammenhanglos wieder zusammengefügt. In der „Heimatmaschine“ geht es andersherum: Zitate vieler Autoren werden zusammengefügt und sind durch ihren Bezug auf Heimat mitei­nander verbunden. Aber es geht ähnlich turbulent wie bei Müller zu – ein rastloses, geradezu atemloses Stück, das den Bühnenraum durchmisst und den Zuschauer immer wieder überrascht und fesselt. (…)

Heimat als Gegenstück zur Fremde wird in den Texten auseinander genommen und auf Land, Landstrich, Ort, Haus und Wohnung heruntergebrochen. Texte von Anna Seghers, Stefan Heym, Herta Müller, Stefan Zweig, Einar Schleef bis hin zu Deniz Yücel geben Interpretationsmöglichkeiten und werden von aus dem Off eingespielten rechtspopulistischen Passagen konterkariert. „Wir sind nicht zum Spaß hier!“, heißt es in einem Text sehr nachdrücklich, und es scheint angesichts der aktuellen Bezüge ernst gemeint.(…) “

MOZ, Jens Sell, 10.9.2018

Das Ziel ist im Weg

“ (…) Auf der Bühne ragen Bäume Richtung Decke. In dieser Wildnis zwei Frauen, die gleichzeitig etwas Ähnliches und doch etwas ganz Anderes suchen.

Die eine (Melanie Seeland) – mit blonden Dreadlocks und Tarzan-Outfit – glaubt, hier ein neues, besseres Leben zu finden, eine Alternative jenseits der sogenannten Zivilisation. Auch die andere (Inés Burdow) baut sich hier ein Haus – allerdings aus Steinen statt aus Lehm. Mitten im märkischen Wald prallen Lebenswürfe aufeinander, große und kleine Fragen unserer Zeit. Klimakrise, Migration, Krieg, Umweltzerstörung: Gründe zu fliehen, gibt es genug. „Der Weg ist das Ziel“ heißt in der Verballhornung des Strausberger Theaters „Das Ziel ist im Weg“. Hindern uns unsere Ideale daran, das zu erreichen, was wir wollen? Stehen wir uns selbst im Weg? Wenn sich die beiden allzu sehr mit ihren Argumenten verhaken, gibt es eine Pause: Sie ziehen die Vorhänge zu und wieder auf.  Aus dem Off sind Zitate aus dem Essay „Der Waldgang“ des Schriftstellers Ernst Jünger zu hören. (…) “

MOZ, Inga Dreyer, 10.08.2018

„Minutenlang anhaltender Beifall und Blumen krönten die Premiere des Stücks „Das Ziel ist im Weg“ am vergangenen Sonnabend im Theater Die Andere Welt Bühne. Rund 50 Schauspielinteressierte aus der Region bis hin nach Berlin füllten die rustikal gezimmerten Holzbänke im ehemaligen Wasserwerk der früheren Fernmeldezentrale in der Garzauer Straße. Sie erlebten eine kurzweilige und zeitgemäße Auseinandersetzung mit einem alten Text von Ernst Jünger, der sich mit der Pflicht zum Widerstand angesichts ein zum Terror tendierenden Regimes befasst.

Das Stück mutet streckenweise wie ein Trialog an, nicht nur die beiden Schauspielerinnen Melanie Seeland und Inés Burdow äußern ihre Standpunkte, sondern aus dem Off spricht Regisseur Matthias Merkle Postulate von Ernst Jünger. Beide Frauen sind ausgestiegen und im Wald gelandet und dennoch Widersacherinnen. Die Eine (Burdow) will sich ein Haus aus Steinen bauen, Zivilisation in ihr neues Leben retten, einschließlich gewohnter Ernährung. Die Andere (Seeland) ist die Alternative, die ihre Hütte aus Stroh und Lehm bauen will und nicht ganz konsequent vegan lebt.

In der Debatte kommt vieles Gegenwärtige zur Sprache, Flüchtlingspolitik wie Umweltschäden, und das spricht auch die Strausberger Besucher an. „Ich kenne die Standpunkte gut aus meiner Familie“, sagt Ruth Kalk aus Strausberg anschließend, „es ist mir sehr wichtig, dass wir so ein neues Kulturangebot hier haben.“ “

MOZ, Jens Sell, 30.07.2018

Theater der Zeit, September 2018:

TdZ-9.18-S.77

Pikeslust

Theater
Weltmarktsiegerbesieger
Waldgang: Theaterpremiere auf früherem DDR-Regierungsgelände

(…) Im September 2017 nun hatte das erste Theaterstück Premiere. Dafür gestaltete eine Theatergruppe das Wasserwerk um, das künftig regelmäßige Spielstätte werden soll. Für das Stück »Pikeslust« lebte ein Ensemble aus den beiden Schauspielerinnen, Regisseur, Technikern und Filmemachern auf dem Gelände und trabte jeden Tag zu den Proben in die benachbarte Halle. Die dutzenden massiven Sitzbänke sind frisch angefertigt. Im Industrieraum riecht es nach Nadelwald. Die Bühne findet vor und auf der Galerie des alten Pumpenraums statt.

Was so postmodern nach launigem Tanz auf den Industriebrachen klingt, will hier den Sprung auf ein anderes Niveau wagen. In Pikeslust wird die Absage an die Möglichkeit konkret, die Geschicke der Menschheit durch gesellschaftliche Prozesse beeinflussen zu können – zunächst. Anhand der Schicksale zweier kinderloser Frauen, die sich durch Ost- und Westgeschichten geschlagen haben, wird die Geworfenheit des Individuums in gesellschaftliche Umgebungen nachvollziehbar. Die Bildhauerin Frauke ist die Gastgeberin. Die Film- und Staatstheaterschauspielerin Inés Burdow lädt Fragen an das Gesellschaftliche mit Versatzstücken aus der eigenen Biographie auf. Die Schauspielerin ist Strausbergerin, oder war es zumindest, und berichtet aus einer Jugend in der DDR. Warm, heiter, wohlwollend. Sie wuchs zwischen NVA-Familien und deren Söhnen auf. Das Gelände des DDR-Postministeriums nimmt sie zum Anlass zu allerlei Reflexionen, die teils als Videoschnipsel auf die Wände des Wasserwerks projiziert werden.

Ihr Konterpart – in der Rolle der Frau Pike – ist die jüngere Schauspielerin Melanie Seeland. Sie erscheint zunächst als Steam-Punk, eine Art Wiedergeburt eines Offiziers der Roten Armee und verwandelt sich in zunehmend erotischere Figuren, die nicht zum Ziel gelangen. Die Figur des Westens, kühler und »smart« bis zur Androgynie, scheint ewig nackend im See zu schwimmen. In einer an den Filmemacher Alejandro Jodorowsky erinnernden Szene, liegt die Schauspielerin, opulent mit Früchten bedeckt, und wird einfach abgefrühstückt.

»Es gibt nichts zu erwarten«, schrieb der italienische Dichter und Postmarxist Giorgio Cesarano, auf den sich das Stück ostentativ bezieht. »Es geht nicht darum, das Ich zu befreien, es geht darum, sich vom Ich zu befreien; so befreit man die Geschichte vom Prinzip. Und das absofort.« Das Stück ist auch ein großer Abschied in zwei Figurationen. Die Eine hat die Vergangenheit verloren, die andere will keine Zukunft haben. So kann mensch sich auch zum Weltmarktsiegerbesieger erklären. Die Naturkonstante Zeit wird früher oder später alles abräumen. Mit etwas Glück bleiben die Bäume.

Die große Geste der Postmoderne, dass nichts mehr geht und jeder Materialismus vergebens ist, wird hier nochmal in seiner totalen Form aufgeführt. In einer Umgebung, die an Ernst Jüngers Waldgang erinnert, jenem Text, in dem der Schriftsteller, Soldat und Teilzeit-Faschist den Menschen im Moment der gesellschaftlichen Katastrophe untersucht – eine Abschwörung an die Hysterie und eine Abrechnung mit dem Nihilismus des puren Wollens. Am Ende steht eine Videoprojektion, in der ein Flüchtling einen Baum einpflanzt. Er kämpft noch etwas mit dem Werkzeug und der ungewohnten Vegetation, aber er ist entschlossen. Denn wo soll er auch sonst pflanzen?

Das alles wirkt erstmal niederschmetternd. Der Mensch ist schlecht, weder Individualismus noch Sozialismus bieten irgendeinen Halt. Jeder Staat ist böse. Nichts kann mehr reproduziert werden. Die Natur wird über den Menschen siegen und das ist auch gut so. »Pikeslust« ist ein langer Fall in die postulierte Wahrheit eines gemeinsamen, zähen Scheiterns von West und Ost, von Europa und Universalismus insgesamt.

Der geschichtspessimistische Tenor ist aber nur übergangsweise, denn das dialektische Gesetz wirkt. Wenn alles so unausweichlich und vergebens ist, das Subjekt nur eine gewalttätige Illusion, die menschliche Gesellschaft auf lange Sicht nur ein häßlicher totaler Markt – warum kann ich dann was anderes denken? – Im Unterholz der Aussichtslosigkeit eines Poststrukturalismus, der die Linke das Gehirn gekostet hat, ist der nächste Ausbruch aus dieser Wirrnis schon angelegt. Nein, so kann es nicht richtig sein, die Welt ist kein Dschungel. Die Geschichte ist nicht zu Ende und wir, die Menschen, sind wirklich da.

Dem jungen Regisseur Rico Wagner ist mit dem Ensemble etwas Sehenswertes gelungen. Sofern man bereit ist, sich auf einen ungewöhnlichen Ort einzulassen, dessen Potential zunächst einmal darin besteht, zu bemerken, was er alles nicht ist. Die kongeniale Theatermusik mit mechanischem Glockenspiel kommt von Daniel Dorsch. Laura Burkhardt hat bei der Ausstattung die Aufmerksamkeit zurecht auf die beiden Schauspielerinnen gelegt – die beide als herausragend gelungene Besetzung bezeichnet werden müssten, wenn sie es nicht selbst wären. Über die Urheberschaft des Stücktextes zu „Pikeslust“ gibt der Programmzettel die Auskunft, es sei Frau Pike selbst gewesen. Das wiederum bleibt ein Rätsel dieses Abends.

Premiere war am 6. Oktober 2017, weitere Vorstellungen am 13. um 18 Uhr, 15. (16 Uhr), 21. (19 Uhr) und 22. Oktober (16 Uhr). Wasserwerk Theater, Garzauer Straße 20, 15344 Strausberg bei Berlin. Siehe auch wasserwerk-theater.com (mit Wegbeschreibung).

 

[…] gefördert durch das Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg und dem Fonds Soziokultur, machte es den Kreativen möglich, eine erste Theaterproduktion zu stemmen. Premiere war am Freitag mit dem doppeldeutigen Titel „Pikeslust“. Die über allem schwebende Frau Pike […] Ihr drängendster Wunsch ist die plastische Kopie ihrer weiblichen Mitte. […] Nun geht man aber nicht sofort an die Arbeit, sondern erforscht, sozusagen als zweite Ebene des Stücks, den zu bespielenden Raum, ganz konkret dieses Postbunkergelände.
Der Zuschauer erfährt Geschichtliches, beginnend mit der Eiszeit und der daraus resultierenden Landschaft, bis hin zum Bunkerbau und dessen Bedeutung im Kalten Krieg. Für das Bildhauerwerk hernach begibt man sich sogar in den Wald, um den passenden Baum selbst zu fällen […]
Begleitet wird das alles mit Videosequenzen des Geländes und die Augen der Zuschauer gehen sogar mittels Drohne auf eine Luftfahrt. […]
MOZ, 9.10.2017